Predigt zur Dekanatssynode 2020

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Von Kaulquappe und Kompass – Gedanken zur Kirche

Predigt von Pfr Michael Bergner zum Anhören

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und seinem Sohn Jesus Christus

Lieber Leib Christi,

mit dieser Anrede, die Paulus im ersten Korintherbrief für die christliche Gemeinde verwendet, möchte ich Sie, möchte ich Euch, auf ein paar hoffnungsvolle Gedanken an diesem Vormittag mitnehmen. Und warum ich ausgerechnet diese Anrede verwende, wird hoffentlich auch im Verlauf der Predigt deutlich werden.

Hinter meinem Elternhaus war ein kleiner Teich, an dem ich als Kind gerne gespielt habe. In und an diesem Teich hat es gewimmelt von Lebewesen. Forellen und Käfer, Wasserläufer und Libellen. Ein wunderbares Gewusel. Am meisten haben mich aber die Kaulquappen fasziniert. Manchmal hab ich ein paar von diesen langen glibbrigen Laichschnüren von Fröschen in einem Eimer mit nach Hause genommen und hab dort beobachtet, wie aus diesen kleinen schwarzen Punkten zuerst Kaulquappen und später kleine Frösche wurden. Innerhalb von ein paar Tagen wachsen zuerst kleine Beinchen aus diesem schwarzen Knubbel mit Ruderschwanz. Dann formt sich der Kopf um, Kiemen und Schwanz werden zurückgebildet und nach 46 Reifestadien – wie ich später gelernt habe – sitzt da ein kleiner Frosch, der mit der Kaulquappe fast nichts mehr zu tun hat.

Was ich damals nicht gewusst habe: Das, was wie eine große wunderbare Verwandlung aussieht, ist auf Zellebene betrachtet ein millionenfaches Sterben.

Was ich auch nicht gewusst habe: der Naturforscher Carl Vogt hat schon 1842 diese Verwandlung der Kaulquappe wissenschaftlich untersucht und hat eben genau das festgestellt, dass diesem Prozess ein programmierter Zelltod zugrunde liegt. Den hat er „Apoptose“ genannt – von apopiptein (abfallen). Ein Suizidprogramm einzelner biologischer Zellen.

Was ich auch nicht gewusst habe – und was auch Carl Vogt wahrscheinlich nicht geahnt hat – diese Apoptose gibt es nicht nur bei Fröschen, sondern sie ist ein Grundprinzip des Lebens. Erst über 100 Jahre nach Carl Vogt haben britische Forscher das auch im menschlichen Körper entdeckt und 2002 gab es sogar den Nobelpreis für Medizin für die Entdeckung, wie wichtig dieser programmierte Zelltod für die Organentwicklung bei uns Menschen und für unser Immunsystem ist.

Man könnte sagen: Ohne dieses Sterben, ohne diese Apoptose gibt es kein gesundes Leben.

Wir würden nicht einmal etwas sehen können, denn der Glaskörper und die Linse unseres Auges wird erst lichtdurchlässig, wenn Zellen absterben und teilweise abgebaut werden.

Was ich als Kind als wunderbare Verwandlung wahrgenommen habe, war in Wahrheit ein millionenfaches Sterben.

Der Benediktinermönch Nikodemus Schnabel hat Anfang Oktober auf der Internetseite katholisch.de darüber nachgedacht, wie man die Kirche in Würde sterben lassen kann. Wir hätten doch große Erfahrung durch Hospizarbeit und Seelsorge am Lebensende – das sollten wir doch bitte auch auf den Leib Christi übertragen und nicht krampfhaft versuchen den Patienten am Leben zu halten, der doch eh nicht zu retten ist. Viele dieser Gedanken finde ich nachvollziehbar und verständlich. Mitgliederschwund, Pfarrermangel, hohe Kosten für Gebäude, Verwaltungsvorschriften statt Freiheit des Evangeliums. Wäre es wirklich so schlimm, wenn diese Kirche stirbt?

Versteht mich bitte nicht falsch: Ich bin ein großer Freund der Kirche. Ich verdanke ihr viel – meinen Beruf, einen Halt in schwierigen Lebensphasen, Begleitung, Hilfe und Trost. Und ich bin ein noch größerer Freund der Volkskirche. Ich finde alle Menschen sollten einen leichten Zugang zum Evangelium bekommen. Einen Menschen der nicht weit weg wohnt, wenn man ihn braucht, sondern den man persönlich kennt und zu dem es kurze Wege gibt.

Sollen wir also die Kirche in Würde sterben lassen? Resignieren angesichts der Zahlen und Fakten und der zunehmenden Bedeutungslosigkeit? Legen wir halt noch ein paar Gemeinden mehr zusammen. Am Ende 3000 oder 10000 Menschen pro Pfarrer – das spielt dann auch keine Rolle mehr – eine Steigerung von „Unpersönlich“ gibt es eh nicht.

Oder hat Nikodemus Schnabel vielleicht doch nicht in allen Punkten recht?
Der kindliche Blick auf die Kaulquappe sieht nicht das millionenfache Sterben, sondern er sieht, was alles wunderbar neu entsteht: wie Füßchen wachsen und sogar der Kopf sich verändert. Wie womöglich neues Denken entsteht und sogar das Medium gewechselt werden kann. Nicht mehr nur das Wasser bleibt die Heimat vom Frosch, sondern er erobert fremdes Gebiet – er kann sich an Land fortbewegen und Luft atmen – etwas, was er sich als Kaulquappe vermutlich selbst nicht zugetraut hätte.

Was erleben wir hier eigentlich gerade in unserer Kirche – ist es wirklich nur ein großes Sterben? Oder ist es in erster Linie eine Verwandlung?

Auf Zellebene ist gut erforscht, wo die Unterschiede liegen. Die Apoptose – das gute Sterben, kann man leicht unterscheiden von der Nekrose – dem bösartigen Tod.

Vor allem an 2 Mechanismen. Man könnte etwas vereinfacht sagen, bei der Apoptose ist die sterbende Zelle selbst einverstanden mit dem Mechanismus, der einsetzt. Das faszinierendste an diesem Prozess – der im Einzelnen sehr kompliziert ist – ist, dass die Zelle zuerst in Kontakt tritt mit Nachbarzellen. Es ist, als ob sich die Nachbarzellen ganz besonders um die sterbende Zelle kümmern. Es werden entzündungshemmende Stoffe abgegeben, es findet eine verstärkte Kommunikation statt zwischen den Zellen und am Ende schrumpft die Apoptotische Zelle und macht den umgebenden Zellen Platz.

Bei der Nekrose sieht das ganz anders aus. Die sterbende Zelle wehrt sich nach Kräften und bläst sich auf ein Vielfaches auf, wobei sie sich beim Aufblasen selbst zerstört – dadurch kommt es fast immer zu Entzündungen der Nachbarzellen und wenn das Immunsystem nicht mit Fresszellen eingreift, dann entsteht ein Tumor. Zellen, die nicht mehr sterben sondern weiterleben in alle Ewigkeit. Die nur noch sich selbst vermehren – bis ihnen die Energie ausgeht – und das ist am Ende der Tod des ganzen Systems.

Was erleben wir gerade in unseren Gemeinden? Ist es ein letztes Aufbäumen, ein letztes Aufblasen eines sterbenden Systems – oder ist es ein gesunder Vorgang?
Lebensdienlich – wie das Ausfallen der Milchzähne auf dem Weg zum Erwachsenwerden.

Man bräuchte Orientierung man müsste das Ziel kennen und den Weg. Oder reicht das auch nicht? – ich habe dazu eine kleine Geschichte gefunden:

Ein Mann fährt mit seinem kleinen Boot aufs Meer hinaus. Plötzlich wird er von einem Unwetter überrascht, das ihn weit aufs offene Meer hinaustreibt. Er schafft es gerade so unversehrt durch den Sturm zu kommen. Froh, dass er das überlebt hat, schaut sich der Mann um, um in den Hafen zurückzufahren. Aber um sich herum nichts als Wasser. Er begreift, wie weit ihn der Sturm von der Küste weggetragen hat und dass er keine Ahnung hat, wo er sich befindet. Er hat kein Funkgerät und keinen Kompass dabei und er bekommt Angst. Und er fängt er an zu beten: Hilf mir, lieber Gott, ich bin verloren …« In diesem Moment passiert ein Wunder. Der Himmel geht auf, und eine tiefe Stimme (Gott?) fragt: »Was ist passiert?« Der Mann kniet sich ehrfürchtig nieder und sagt: »Ich bin verloren, Herr. Wo bin ich, Herr? « Und die Stimme antwortet: »Du befindest dich bei 38° Grad südlicher Breite und 29° Grad westlicher Länge.« »Danke, o Herr, ich danke dir …«, sagt der Mann und der Himmel schließt sich wieder. Nach einem Moment der Stille fängt der Mann wieder an zu jammern: »Ich bin verloren« Der Himmel öffnet sich wieder: »Was ist denn jetzt los?«, fragt die Stimme. »Lieber Gott, es nützt mir gar nicht zu wissen, wo ich bin, was ich eigentlich wissen will ist, wohin ich muss, was ist mein Ziel?« »Na gut«, sagt die Stimme, »das ist leicht. Du musst zurück in den Hafen.« Als der Himmel sich wieder schließen will, fleht der Mann: »Nein, nein, Herr, das reicht nicht » Ich weiß jetzt zwar wo ich bin und wo mein Ziel ist. Aber wo liegt mein Ziel« Die Stimme antwortet: »Der Hafen liegt bei 38° Grad …« »Nein, nein, nein!«, unterbricht der Mann. „Auf welchem Weg komme ich dorthin… Zeige mir bitte den Weg …« Da fällt eine Karte vom Himmel. Oben links ein roter Punkt, dort steht: »Sie befinden sich hier.« Unten rechts befindet sich ein blauer Punkt, auf dem »Hafen« zu lesen ist. Und in Signalrot ist auf der Karte eine Strecke eingetragen. Der Weg. Endlich ist der Mann zufrieden. Er wirft sich wieder auf die Knie und dankt dem lieben Gott. Er startet den Motor und sagt nach einer Weile: »Ich bin verloren …!« Natürlich. Er hat recht. Der arme Mann ist immer noch verloren. Der Mann weiß, wo er ist, er kennt sein Ziel, sogar den Weg kennt er, aber er weiß immer noch nicht, in welche Richtung er loslegen soll. Um nicht länger verloren zu sein, muss er die Zielrichtung kennen. Er muss wissen, wonach er sich jetzt im Moment ausrichten soll.

Worauf sollen wir uns ausrichten als Kirche? Als Kirchengemeinde. Als Christen?
Was ist unser Kompass – der uns in jedem Moment die richtige Richtung anzeigen kann?
Man könnte auch fragen: Wozu machen wir das eigentlich alles? Damit die Kirche erhalten bleibt? Damit wieder mehr Menschen in die Gottesdienste gehen? Das alles sind ja wichtige Ziele. Aber Ziele zu haben reicht nicht. Wenn die Kirche hier in hundert Jahren noch steht, sind wir trotzdem verloren, wenn keiner mehr kommt. Wenn jeden Sonntag 100 Leute kommen, sind die trotzdem verloren, wenn sie vom Programm hier gelangweilt werden und deprimiert wieder nach Hause gehen. Was also sollte im Zentrum unserer Bemühungen stehen? Und was darf sterben? Ein Blick in die Bibel hilft: Gott kommt auf die Erde um der Menschen willen.

Dass sie zuversichtlich leben und getröstet sterben, dass sie in Krisen und Katastrophen nicht verzagen, sondern in ihnen Mahnungen Gottes zur Gewissensprüfung und zum Neubeginn sehen, darauf kommt es an. – das ist kein Gedanke von mir, sondern vom ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD Wolfgang Huber. Das Evangelium der Liebe Gottes für die Welt und die Menschen ist der Kompass für alle unsere Bemühungen. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er sein Leben gibt, um sie zu retten. Um uns zu retten. Das ist sozusagen die DNA unserer Kirche. Der Bauplan der jeder ihrer Zellen zugrunde liegt. Die Kirche, das Evangelium ist auch nicht systemrelevant – da sollten wir uns gar nichts vormachen. Kirche existiert in den unterschiedlichsten Erscheinungsformen. In Kooperation, im Widerstand, als Mehrheit, als Minderheit, als machtvolle Institution und in Verfolgung und Armut. Das Evangelium ist nicht systemrelevant sondern existenzrelevant.

Wo Glaube uninteressant und belanglos wird, da können wir Ziele formulieren und Wege aufzeigen, wir können Pläne haben und die besten Absichten. Wo Glaube nicht unser Herz berührt, wo er uns nicht packt und die Kraft hat unserer Existenz Wert und Würde zu verleihen, uns im Moment neu auszurichten – da arbeiten umsonst, die am Haus Gottes bauen. Ob es unser Herz berührt: Daran können wir sofort überprüfen, ob wir noch am Reich Gottes mitbauen oder an irgendeinem System, das wir für überlebenswichtig halten, weil wir eben nicht genug Hoffnung und Vertrauen haben. Sorgt euch zuerst um das Reich Gottes – dann wird euch alles andere zufallen. Das ist eben kein Aufruf zur Sorglosigkeit, sondern sich die richtigen, die echten Sorgen zu machen. Die Sorgen, die Gott gelten lässt, weil es auch seine Sorgen sind. Die Sorgen um uns Menschen um unsere Seele um unseren Glauben. Wer das ins Zentrum stellt, der soll getröstet werden. Durch alle Stürme und Zumutungen des Lebens hindurch – sogar durch den Tod hindurch. Durch den guten Tod, der am Ende nichts anderes ist als eine großartige Verwandlung. Wie wäre das, wenn wir das glauben könnten, dass wir gerade Zeuge werden von wunderbaren Verwandlungen. Ein Grundprinzip des Lebens beobachten können auch am Leib der Kirche. Gutes, behütetes Sterben an vielen Stellen, aber gleichzeitig Neubeginn, Aufbruch und freches protestantischen Festhalten an der Liebe zur Welt und zum Menschen, als Zentrum unserer Bemühungen. Vielleicht halten mich da manche für naiv oder kindlich. Aber manchmal braucht es kindliche Augen und kindliche Hoffnung, um in der Kaulquappe schon den Frosch und in unserer Kirche schon das Reich Gottes sehen zu können.

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.  

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